Erstes energieautarkes Mehrfamilienhaus in Niedersachsen

Wilhelmshaven. Modern wohnen und dabei kräftig bei Heizung, Strom und Warmwasser sparen – dieser Traum jedes Mieters wird demnächst in Wilhelmshaven wahr. Dort in der Bismarckstraße 33 entsteht das erste energieautarke Mehrfamilienhaus in Niedersachsen. „Ein außergewöhnlich spannendes Projekt", meinte Dieter Wohler, Vorstandsvorsitzender der Wilhelmshavener Spar- und Baugesellschaft eG, beim symbolischen Spatenstich am heutigen Montag. Die sechs jeweils rund 90 Quadratmeter großen Wohnungen sollen im Winter 2018 bezugsfertig sein.

Heiner Pott, Direktor des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Niedersachsen Bremen, lobte die Genossenschaft für ihr unternehmerisches Engagement: „Wir waren vom Konzept überzeugt, und jetzt haben wir auch einen tatkräftigen Investor gefunden. Mit dem Projekt wird deutlich: Alle reden über Klimaschutz im Wohnungsbau – wir schaffen nun mit dem ersten energieautarken Mehrfamilienhaus in Niedersachsen eine Pionierleistung."

„Energieautark", was bedeutet das? Dieter Wohler und sein Vorstandskollege Peter Krupinski fassen die wesentlichen Eckpunkte des Konzeptes von Professor Timo Leukefeld, Energieexperte aus Freiberg/Sachsen, zusammen, das den Planungen zugrunde liegt: „Das Haus erhält eine hochgedämmte Gebäudehülle sowie eine ausgeklügelte Haustechnik. Es gibt Photovoltaik-Flächen und eine Solarthermieanlage. Der auf diese Weise erzeugte Strom wird in Akkus gespeichert. Die gewonnene Wärme versorgt einen mit ca. 20.000 Liter Wasser gefüllten, zentral im Haus eingebauten Langzeitwärmespeicher mit Wärmeenergie. Die Hausbewohner können diese Energiespeicher bei Bedarf „anzapfen". Erzielte Strom- und Wärmeüberschüsse werden die angrenzenden Mehrfamilienhäuser Bismarckstraße 35 und 37 teilweise mitversorgen. Zusätzlich kann die gewonnene Strommenge zum Laden von E-Bikes oder E-Autos genutzt werden. Hierfür werden zwei Ladesäulen auf Parkplatzflächen neben dem Objekt installiert."

Was sich so nüchtern und sachlich anhört, ist in der Tat eine Ingenieursleistung, die in der Wohnungswirtschaft bislang ihres Gleichen sucht. „Wir setzen mit dem Bau sicherlich Maßstäbe", sagt Peter Krupinski. Die Vorarbeiten waren entsprechend umfangreich. Unter anderem hat Leukefeld eine ganzjährige Verschattungsanalyse erstellt, um die optimale Ausrichtung der Solarkollektoren zu gewährleisten. Die komplette energetische und gebäudetechnische Planung wurde durch das Ingenieurbüro Mantay Wilhelmshaven erstellt.

Das Haus wird im KfW-40-Plus-Standard erstellt. Leukefeld hat den „Autarkiegrad" des Gebäudes, also die Unabhängigkeit von der konventionellen Energieversorgung mit annähernd 70 Prozent berechnet.

Die beheizte Gesamtwohnfläche beträgt 500 Quadratmeter. Der vom Büro Mantay ermittelte spezifische Heizwärmebedarf liegt bei 21,9 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Der jährliche Endenergiebedarf inkl. Wärmeverlusten wird mit rund 22.500 Kilowattstunden angegeben. Durch solare Nutzung werden davon ca. 13.000 Kilowattstunden abgedeckt. Die Wärmekosten für das gesamte Haus belaufen sich demnach auf etwa 550 Euro im Jahr. Die anfallenden Stromkosten hat wurden mit rund 2000 Euro pro Jahr berechnet. Die Kosten sollen über eine Pauschalmiete abgerechnet werden.

Weil auch die Fachleute im Rathaus von diesem Projekt überzeugt waren, ist der Weg frei „für eine echte wohnungswirtschaftliche Innovation". Davon werde auch der Standort Wilhelmshaven profitieren, sind sich Wohler und Krupinski sicher.

Im Gespräch: vdw-Verbandsdirektor Heiner Pott

Der Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Niedersachsen Bremen hat die Realisierung eines energieautarken Mehrfamilienhauses maßgeblich vorangetrieben. Verbandsdirektor Heiner Pott zeigt sich im Interview zuversichtlich, dass das Projekt viele Nachahmer finden wird.

Die Wohnungsgenossenschaft Spar + Bau in Wilhelmshaven wird ein energieautarkes Mehrfamilienhaus bauen. Welche Rolle, Herr Pott, spielt Ihr Verband bei diesem ehrgeizigen Vorhaben?

Heiner Pott: Wir haben vor rund zwei Jahren die Gespräche mit Professor Leukefeld aufgenommen. Unser Ziel war es, dass eines unserer Mitgliedsunternehmen das erste Haus dieser Art in Niedersachsen errichtet. Wir hatten in der Folgezeit zahlreiche teils schwierige Gespräche und Verhandlungen unter anderem mit verschiedenen Landesministerien.

Wie ist die Idee dort aufgenommen worden?

Pott: Ausgesprochen positiv. Die Fachabteilungen waren von der Idee begeistert. Aber irgendwie passten wir mit dieser innovativen Idee in kein Förderschema. Eine finanzielle Unterstützung scheiterte somit letztlich nicht an fachlichen, sondern an haushaltärischen Erwägungen.

Wie geht es jetzt weiter?

Pott: Wir haben mit der Spar + Bau einen mutigen Investor gefunden. Der Bau wird in der Fachwelt für Schlagzeilen sorgen. Ich gehe fest davon aus, dass das Konzept vielerorts adaptiert werden wird. Und bestimmt auch von unseren

Mitgliedsunternehmen. Denn Klimaschutz im Wohnungsbau wird im Bereich des vdw großgeschrieben.